Kahn ist mein Vorbild
Hockey: Weltmeister Clemens Arnold über australische Vorzüge und gefürchtete Gegner
ABENDBLATT: Herr Arnold, als amtierender Hockey-Weltmeister
reisen Sie kreuz und quer durch die Welt. Konnten Sie wenigstens die Feiertage
zu Hause genießen?
CLEMENS ARNOLD: Nein, ich verbringe Weihnachten und Neujahr in
Washington bei meiner amerikanischen Freundin Aubrey. Wir haben uns vor
anderthalb Jahren bei einem Hockeycamp in den USA kennen gelernt und hatten
seitdem wenig Gelegenheit, uns zu sehen. Da nutzen wir die freien Tage gern, um
ein paar Stunden miteinander zu verbringen.
ABENDBLATT: Sie gelten als Sonnyboy. Liegt das auch daran,
dass Sie in Melbourne im sonnigen Australien geboren wurden?
ARNOLD: Schon möglich. Mir gefällt jedenfalls die fröhliche
Gelassenheit der Australier. Dort ist es egal, ob du Bauarbeiter, Arzt oder
Anwalt bist. Es ist nicht wichtig, was du bist, sondern wie du bist. "Easy
going" ist ein gutes Lebensmotto. Also versuche auch ich, stets relaxed zu
bleiben. Andererseits kann mich auch der große Ehrgeiz befallen, wenn ich etwas
unbedingt erreichen will.
ABENDBLATT: Haben Sie mit der deutschen Mentalität
Probleme?
ARNOLD: Man gewöhnt sich ja an alles im Leben. Aber diese
deutsche Verbohrtheit und das ewige Pochen auf sein Recht gehen mir manchmal
schon gehörig auf die Nerven. Ich spüre diese Mentalitätsunterschiede zum
Beispiel auch bei Airbus, wo ich im Rahmen meines Studiums der Luft- und
Raumfahrt derzeit arbeite. Die Lässigkeit der Franzosen hat uns in vielen
Dingen weitergebracht. Sie ergänzt sich ideal mit der deutschen
Detailverliebtheit.
ABENDBLATT: Sie teilen sich mit Ihrer Schwester Theresa
eine kleine Wohnung in der Nähe des Winterhuder Marktplatzes. Fußballtorwart
Oliver Kahn wohnt in München sicher etwas komfortabler.
ARNOLD: Das ist Ansichtssache. Ich fühle mich wohl.
ABENDBLATT: Möchten Sie nicht dennoch hin und wieder mit
Kahn tauschen?
ARNOLD: Nein, denn ich will mein Leben nicht so verkaufen.
Stars wie Kahn müssen ihr Privatleben mit jedem teilen, das finde ich
furchtbar.
ABENDBLATT: Bedeutet Hockeyspielen in Deutschland in erster
Linie Verzicht?
ARNOLD: Nein, dieser Sport hat mir viel gegeben. Ich habe
durch Hockey jeden Kontinent bereist, habe andere Völker und Kulturen kennen
gelernt. Das erweitert den persönlichen Horizont ungemein und ist unbezahlbar.
Außerdem gehe ich mit einem anderen Anspruch an meinen Sport heran. Fußball ist
ein Profisport. Wir Hockeyspieler sind reine Amateure, die alle einem regulären
Job nachgehen oder studieren. Deshalb sind diese Vergleiche im Prinzip
unsinnig. Sicher ist es bitter, wenn man Aufwand und Ertrag vergleicht. Wir
trainieren ja nicht weniger als die Fußballer, bekommen aber nicht einen
Bruchteil des Geldes, das sie verdienen. Für den WM-Titel gabs 6000 Euro,
verteilt auf zwölf Monate. Doch dafür sind wir Hockeyspieler selbstständiger,
belastungsfähiger und als Team eine verschworene Gemeinschaft.
ABENDBLATT: Sind Hockeyspieler härter als Fußballer?
ARNOLD: Ich denke schon. Bei der WM in Malaysia hatten wir
neun Spiele in 14 Tagen, und das bei tropischen Temperaturen um die 40 Grad und
einer Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent. Bei diesem Programm würde jeder
Fußballer schreiend streiken. Nach den ersten drei, vier Spielen konnten die
Feldspieler gar nicht mehr so viel Flüssigkeit trinken, wie sie auf dem Platz
verloren hatten. Also hingen viele am Tropf. Außerdem kenne ich keinen
Fußballer, der wie ich jeden Tag Viertel vor sechs aufsteht, um eine
Dreiviertelstunde mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, um 19 Uhr wieder zu
Hause ist, um dann zum Training zu gehen.
ABENDBLATT: Taugt Oliver Kahn für Sie da trotzdem zum
Vorbild?
ARNOLD: Aber sicher, er war und ist eines meiner größten
Vorbilder. Er spielt schon sehr lange auf so hohem Niveau, das ist für mich
eine außergewöhnliche Leistung.
ABENDBLATT: Wären Sie als Fußballtorwart ähnlich gut?
ARNOLD: Weiß ich nicht. Ich habe sechs Jahre lang parallel
Fußball und Hockey gespielt. Beim Fußball war ich Linksaußen.
ABENDBLATT: Warum haben Sie sich für Hockey entschieden?
ARNOLD: Als ich zwölf war, wurde Fußball bei uns immer
asozialer. Da haben überehrgeizige Väter ihren Söhnen zugerufen: Tritt ihn um,
und die haben es gemacht. Der Ton wurde rauer. Da ging es beim Hockey viel
familiärer zu.
ABENDBLATT: Und wie sind Sie dann doch noch im Tor
gelandet?
ARNOLD: Es war wie immer: Keiner wollte, und ich war am Ende
der Dumme. Dann habe ich auf Anhieb so gut gehalten, dass sie mich nicht mehr
rausließen.
ABENDBLATT: Hatten Sie nie Angst vor den Gefahren dieses
Jobs?
ARNOLD: Man muss sicher schon etwas verrückt sein als
Hockeykeeper. Schließlich fliegt der Ball ja mit bis zu 150 Sachen auf einen
zu. Doch da ich eine Zeit lang auch Feldspieler war, habe ich auch die andere
Seite kennen gelernt. Ich weiß, wie die Angreifer ticken. Das hilft, gewappnet
zu sein. Ganz ohne Schmerzen geht der Job aber nie ab. Deshalb mache ich viel
Krafttraining, weil Muskeln harte Bälle besser abfedern können. Und ich
versuche, flink auf den Beinen zu sein. Je schneller du bei einer kurzen Ecke
aus dem Kasten bist, umso weniger kann passieren.
ABENDBLATT: Gibt es Spieler, die Sie besonders fürchten?
ARNOLD: Den Pakistani Sohail Abbas vielleicht. Der schlenzt
den Ball mit Tempo 160, wenn er genug Zeit hat. Also musst du noch schneller
draußen sein. Das hat aber auch seinen Reiz. Das Duell mit dem besten
Eckenschützen der Welt zu gewinnen, adelt jeden Keeper. Und wenn er dann kommt
und dir gratuliert, sind sowieso alle Schmerzen vergessen.
ABENDBLATT: Stimmt es, dass Sie sich auch mal als Kneipier
versucht haben?
ARNOLD: Das stimmt. Ich hatte mit Freunden in Winterhude die
Sportbar "Freakshow", bis es Ärger mit einer Mieterin gab. Wir haben
versucht, uns mit ihr zu einigen. Doch als ihre Forderungen immer unverschämter
wurden, mussten wir aufgeben, weil uns das finanziell ruiniert hätte. Das ist
jammerschade, weil wir aufgeben mussten, als der Laden gerade richtig zu laufen
begann.
ABENDBLATT: Nun müssen Sie also doch Ihr Studium über die
Runden bringen.
ARNOLD: Das hätte ich ohnehin gemacht. Dabei wollte ich
ursprünglich Arzt werden. Doch dann habe ich bei einem Unfall Erste Hilfe
geleistet. Ein Mountainbiker hatte sich bei einem Crash mit einem Auto mehrere
offene Brüche zugezogen, und es floss Blut ohne Ende. Das hat mich doch
abgeschreckt. So bin ich bei Luft- und Raumfahrt gelandet, obwohl Physik und
Mathe nicht gerade meine Lieblingsfächer sind. Aber letztlich will ich
Patentanwalt werden. Doch zuvor wollen wir erst noch Olympiasieger werden.
Interview: LUTZ WAGNER
erschienen am 27. Dez 2003 in Sport
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